Leseproben
• Aus: "Karma Yoga – Auf dem sonnigen Weg durch das Leben" von Karin Jundt
• Aus: "Der Wanderer im dunklen Gewand" von Karin Albarosa (früheres Pseudonym von Karin Jundt)
• Aus: "Jonathan von der Insel " von Karin Albarosa (früheres Pseudonym von Karin Jundt)
• Aus: "Meister der Jinn" von Irving Karchmar
Leseprobe aus "Karma Yoga" von Karin Jundt
Aus der Einleitung
[...]
Mein Hauptanliegen ist indes, einen leicht verständlichen und im Alltag anwendbaren Leitfaden anzubieten; allzu oft sind nämlich Bücher wohl interessant und lehrreich, doch man vermisst darin klare, nachvollziehbare Anregungen, um das Erkannte und Gelernte in das tägliche Leben einzubauen. [...]
Mein „Karma Yoga“ will keine wissenschaftliche Arbeit sein; deshalb sind theoretische Erklärungen bewusst knapp gehalten, in möglichst einfacher Sprache und auf das Wesentliche beschränkt – auf das Wissen, das von praktischem Nutzen ist. Aus dieser Überzeugung schreibe ich auch nur über Erkenntnisse und Methoden, die ich selbst erfahren und gelernt habe und in meinem Alltag lebe (oder zu leben mich bemühe). Zudem beziehe ich weitere Aspekte mit ein, die sich in der Gita und im klassischen Karma Yoga so explizit nicht finden. Es versteht sich von selbst, dass es sich immer um meine persönliche Auffassung handelt und ich keinen Anspruch auf die absolute Wahrheit erhebe!
Der grösste Teil dieses Buches ist also unserem Dasein im Hier und Jetzt gewidmet, mit Beispielen und Übungen, um die neuen Blickwinkel ins eigene Leben zu integrieren. Es beleuchtet vor allem die Themen Urvertrauen, Selbstwertgefühl und Gleichmut – und natürlich das zentrale Element des Karma Yoga: unser Handeln. [...]
Aus Kapitel I: Der Lebensweg
Ungefragt werden wir in dieses Leben hineingestellt, wie Wanderer, die in einer dunklen Nacht unter dem Sternenhimmel an einem Wegrand erwachen, nicht wissen, wer sie sind, woher sie kommen, wohin sie gehen. Und so machen sie sich auf in ein unbekanntes, unabsehbares, spannendes Abenteuer…
Was suchen wir denn in diesem Leben? Was erwarten wir von ihm? Von uns selbst, von den Mitmenschen, der ganzen Umwelt? Welches sind unsere Ziele, unsere Wünsche, unsere Hoffnungen? Was ist uns wichtig? Warum müssen wir leiden? Worin liegt der Sinn? Gibt es überhaupt einen Sinn, ein Ziel, einen Weg?
Sehr früh schon, als Babys, lernen wir die beiden Gegensätze kennen, die unser gesamtes Leben prägen und bestimmen werden: Freude und Leid. Das Erste streben wir an, das Zweite wollen wir vermeiden. Unser Glück im irdischen Leben zu finden, ist unser Ziel – und es lässt sich durchaus erreichen, denn diese Chance ging nicht verloren, als Adam und Eva aus dem Garten Eden gejagt wurden.
Die Frage, die sich dabei stellt: Was, ganz konkret, macht uns denn glücklich, was unglücklich? Wir brauchen uns nur einige Menschen aus unserem Umfeld anzuschauen, um sofort zu erkennen: Alle haben unterschiedliche Vorstellungen, was zu ihrem Glück beiträgt und was ihm entgegensteht. Natürlich gibt es übergeordnete Werte, wie Gesundheit und materielle Sicherheit, auch die Erfüllung in Familie und Beruf, die wohl alle nennen würden.
[…]
Wir selbst wissen nicht immer, was zu unserer Zufriedenheit beiträgt und was sie uns nimmt. Wie oft haben wir uns etwas gewünscht und dann feststellen müssen, dass es uns Leid gebracht hat! Und entpuppte sich nicht auch schon etwas vermeintlich Negatives oder Unerwünschtes im Nachhinein als schön und bereichernd? Wir sind offenbar nicht in der Lage, genau zu bestimmen, was uns gut tut und was uns schadet – auf lange Sicht schon gar nicht, oft aber auch nicht in der unmittelbaren Zukunft.
Dazu kommt, dass wir das Leben nicht wirklich im Griff haben, wie wir meinen und gerne möchten. Wir können zwar Pläne schmieden, uns um ihre Verwirklichung bemühen, die Konsequenzen unserer Entscheidungen und Taten abschätzen, die Zukunft durch eine Analyse der gegenwärtigen Gegebenheiten vorwegnehmen – doch eine Garantie, dass es tatsächlich so kommt, wie wir es wünschen, planen, voraussehen, haben wir nie. Das Schicksal kann in jedem beliebigen Moment unsere Lebenslage in ihr Gegenteil wenden – zum sogenannt Guten wie zum sogenannt Schlechten. Wobei wir im ersten Moment oft das eine mit dem anderen verwechseln.
Aus Kapitel V: Handeln, ohne zu handeln
Es gibt Heilswege, die das Diesseits einzig als Voraussetzung für ein künftiges Jenseits sehen, in das wir nach dem physischen Tod eingehen. Deshalb betrachten sie das Glück in diesem Leben als zweitrangig oder sogar als hinderlich, und einige fordern den Rückzug aus der Welt. Doch wieso sollte das Göttliche unseren wunderbaren Kosmos und all das Schöne erschaffen haben, wenn wir uns davon abwenden müssten? Wäre es uns bestimmt, als Asketen und Einsiedler mit Entbehrung und Kasteiung zu leben, hätte das Göttliche die Erde dann nicht mit lauter Höhlen ausgestattet, in die sich jeder Mensch allein verkriecht? Wie könnte er sich so aber am Leben erhalten, wie die Menschheit fortbestehen und sich weiterentwickeln?
Wir sind auf dieser Welt, um zu handeln, nicht um untätig in Meditation und Versenkung zu verweilen, bis die Seele den Körper verlässt. Denn alles ist im Fluss und wir bewegen uns darin […]
Aus Kapitel VI: Die drei Pfeiler des sonnigen Daseins
Es sind zwei grundlegende Einsichten, die wir uns immer wieder bewusst machen müssen, um das Urvertrauen zu stärken.
1. Ich bekomme immer das, was ich brauche und mir gut tut. Unabhängig von meinem Streben und Bemühen, wird mir gegeben, was meine innere Entwicklung fördert, und es wird mir genommen, was sie hemmt. Ich besitze nicht die Macht, etwas zu erreichen, was nicht für mich bestimmt ist. Dies auf lange Sicht betrachtet, denn bei einem im wahren Sinne des Wortes kurzsichtigen Blickwinkel erhalte ich manchmal, was ich will – doch wenn es dem fernen Ziel entgegensteht, geht es mir wieder verloren oder wird mich so unglücklich machen, dass ich von mir aus einen anderen Weg einschlage.
2. Es kann mir nichts geschehen, was nicht gut für mich ist. Alles, was mir zustösst, verfolgt einzig den Zweck, mich etwas zu lehren, mir neue Erkenntnisse zu vermitteln, meine innere Entwicklung zu fördern. Dabei sind alle und alles meine Lehrer in dieser Lebensschule. Kein Mensch, keine Naturgewalt, kein Lebewesen besitzt die Macht, mir etwas anzutun, falls es nicht sein darf und meinem individuellen Lernprozess zuwiderläuft. Und wie sehr ich auch versuche, etwas zu meiden oder zu fliehen, ich kann nichts abwenden, was für mich bestimmt ist. Ich darf aber auch darauf vertrauen, dass mir nie mehr aufgebürdet wird, als ich zu tragen vermag.
Wenn wir diese beiden Grundsätze beherzigen: Worüber sollten wir uns Sorgen machen? Und wovor uns fürchten? Es besteht objektiv kein Grund dazu! Es kommt ohnehin immer so, wie es gut für uns ist.
[...]
Generell fühlen sich Frauen wie Männer selbstbewusster, wenn sie sich für gut aussehend halten, selbstsicherer, wenn sie reich und mächtig sind, sie zeigen mehr Selbstvertrauen, wenn sie von ihren Fähigkeiten und ihren Leistungen überzeugt sind. Aber sind Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit und Selbstvertrauen tatsächlich mit Selbstwertgefühl gleichzusetzen? Ja und nein. Es sind in der Tat nur Nuancen, die zwischen den Bedeutungen liegen.
Wie auch immer: Es sind niemals irgendwelche Eigenschaften, die uns einen Wert verleihen. Ich bin wertvoll an sich, allein dadurch, dass ich ein menschliches Wesen bin, allein, weil ich existiere! Kein Vorzug, nicht einmal der edelste kann mir mehr Wert verleihen, als ich von Natur aus besitze, und kein Makel, nicht einmal der abscheulichste, kann meinen Wert vermindern, nicht um ein My.
Beziehen wir jedoch unseren Wert von Äusserlichkeiten, wie Eigenschaften, Besitz, Leistung oder Verhalten, braucht es nicht viel, dieses vermeintliche, unechte Selbstwertgefühl zu schwächen oder zu zerstören. Es genügen ein paar missbilligende Bemerkungen der Eltern, des Partners, des Chefs, der Kollegen. Die Vermutung, nicht geschätzt oder akzeptiert zu sein, reicht schon, damit wir uns schlecht fühlen. Ein Tuscheln hinter unserem Rücken, ein verächtlicher Blick – und unser Selbstbewusstsein schwindet. Mehrere Absagen auf Stellenbewerbungen – und das Selbstvertrauen ist dahin. Die Untreue des Partners – und die Selbstsicherheit ist am Boden zerstört. All dies zusammen innerhalb kurzer Zeit – und wir haben überhaupt kein Selbstwertgefühl mehr, halten uns für völlig wertlos, für unwürdige Würmer, die niemand liebt. Auch wir nicht.
Wem das echte Selbstwertgefühl fehlt, liebt sich selbst nicht. Wer sich nicht selbst liebt, muss sich von anderen lieben lassen, denn ohne Liebe können wir nicht leben. Das bedeutet: Wenn wir auf die Liebe anderer angewiesen sind, machen wir uns von ihnen abhängig, wir sind ihrem Wohlwollen ausgeliefert und ihrer Willkür. Wir leben in der ständigen Angst, ihre Liebe zu verlieren, und damit dies ja nicht geschieht, passen wir uns an, geben nach bis dahin, uns selbst untreu zu werden und unsere eigenen Bedürfnisse zu missachten.
Handeln trotz Angst!
Ängste sind wie Kletten, man kann sie nicht einfach abschütteln. Selbst wenn der Verstand uns sagt, dass eine bestimmte Furcht völlig unbegründet ist, selbst wenn wir sie mit aller Überzeugung bekämpfen – so leicht werden wir sie nicht los! Es gibt in der Tat nur eine Methode, mit einer bestimmten Angst umzugehen, damit sie mit der Zeit vollständig verschwindet: „Wenn du etwas nicht ohne Angst tun kannst, dann tue es halt mit Angst – aber tue es!“ Wir dürfen uns von ihr nicht von unserem Vorhaben abbringen lassen, sondern setzen uns über sie hinweg. Wir betrachten die Angst lächelnd als gute Bekannte, die uns für eine Weile stumm begleitet. Mit der Zeit schaffen wir es dann, sie wegzuschicken – oder sie verlässt uns wie von selbst, beinahe unbemerkt.
Unser Problem dabei ist, dass wir das Leiden fürchten, das eine Tat uns „eventuell, vielleicht, möglicherweise, wenn es schlecht läuft“ bringen könnte. Auch um in dieser Hinsicht einen Entwicklungsschritt zu weniger Angst und in Richtung Urvertrauen zu machen, gibt es nur eines: das eventuelle Leiden akzeptieren.
In unserer Gesellschaft wird das Leiden als äusserst negativ und unerwünscht betrachtet, wir versuchen, es zu fliehen und zu betäuben – wir wollen vergessen, dass es zum Leben gehört, und haben verlernt, damit umzugehen.
Damit umgehen heisst: das Leiden als gegeben annehmen und es aushalten. (Gemeint sind nicht die physischen Leiden, dagegen gibt es Schmerzmittel – es ist unnötig, vermeidbare körperliche Schmerzen zu ertragen.)
[...]
Leseprobe aus "Der Wanderer im dunklen Gewand" von Karin Albarosa (Pseudonym von Karin Jundt)
Am nächsten Morgen brachen Lorenz und seine Gefährtin zeitig auf und zogen auf der Landstrasse stromabwärts. Sie waren noch nicht lange gewandert, als sie an eine Verzweigung gelangten und Julia, scheinbar ohne zu überlegen, den Weg geradeaus einschlug, der sich allerdings vom Fluss entfernte, während der andere ihm folgte. Eingedenk der Auseinandersetzung des vergangenen Tages wagte Lorenz nicht, etwas dagegen einzuwenden.
Viel später, als der Wasserlauf schon lange ausser Sicht war, rasteten sie, um sich kurz auszuruhen und etwas zu essen. Da er die Gefährtin bei bester Laune sah, stellte er die Frage, die ihn seit Stunden beschäftigte: "Warum haben wir den Fluss verlassen?"
"Hast du das erst jetzt gemerkt oder traust du dich erst jetzt zu fragen?", antwortete sie ironisch. Schon bereute er, es überhaupt zur Sprache gebracht zu haben. Sie fuhr indes in einem sachlichen Ton fort: "Flüsse mäandrieren: Es ist nicht nötig, dass wir jeder Schlaufe folgen. Wir gehen einfach geradeaus, und irgendwann treffen wir ihn bestimmt wieder."
Er wollte ihr zeigen, dass seine vermeintlich dumme Frage so unüberlegt gar nicht war: "Und wenn es sich nicht bloss um eine Schlaufe handelte und der Fluss seine Richtung geändert hätte? Dann würden wir ihn ja verlieren..."
"Man muss den direkten Weg wählen - man braucht nicht jeder Windung zu folgen, als sei es unverrückbares Schicksal. Und wenn wir einmal einen falschen Pfad einschlagen - macht nichts, suchen wir den Fluss halt wieder, diesen oder einen anderen."
"Und wenn wir etwas verpassen, weil wir ihm nicht treu folgen?"
"Du kannst auch etwas verpassen, wie du es nennst, wenn du nicht geradeaus gehst!" Julia lachte. "Bist du einfältig! Wir wissen ja nie, was auf unserem Weg liegt: Also ist die eine Entscheidung so gut wie die andere!"
Wie sie wieder unterwegs waren, hänselte sie ihn noch lange wegen seiner Angst, ihm könnte etwas entgehen, und versicherte ihm, sie würden seinen Fluss bald wieder finden. Doch an diesem Tag wanderten sie nur noch über Felder und durch Wälder, ohne ihm erneut zu begegnen.
Erst am nächsten Tag, nachdem sie eine leichte Anhöhe erklommen hatten, erblickten sie unten im Tal den Fluss, eine Steinbrücke schwang sich hoch über ihm. Julia schaute Lorenz triumphierend an, während er sich fragte, ob es wirklich der gleiche Fluss sei. Sie verliessen den Weg; über die Wiesen erreichten sie bald die Brücke.
Als sie nebeneinander oben standen, sahen sie, dass sich der Fluss nur wenig weiter mit einem gewaltigen Strom, der von Norden kam, vereinte. "Ihm werde ich folgen", verkündete Julia feierlich.
Lorenz lachte. "Es wird uns nichts anderes übrig bleiben! Unseren kleinen Fluss gibt es ja nicht mehr..."
Sie schaute ihn ernst an. "Du hast mich nicht verstanden. Ich folge dem Fluss aufwärts zur Quelle; du setzt deinen Weg talabwärts fort, bis du zum Meer kommst."
Nach der wieder gefundenen Eintracht hatte er sich der Hoffnung hingegeben, dass sie den Gedanken an die Trennung begraben hatte; ihre Worte trafen ihn unvorbereitet und lösten erneut Schmerz und Angst aus. "Bitte, lass mich nicht allein", wimmerte er, erinnerte sich aber sofort, dass sie sein Betteln als würdelos verurteilt hatte, und änderte seinen Tonfall. "Ich habe beschlossen, ebenfalls zur Quelle zu wandern", sagte er und bemühte sich, seiner Stimme einen selbstsicheren, überzeugten Klang zu verleihen.
Sie zuckte mit den Schultern. "Mach, was du willst. Mir kann es egal sein, wenn du den Ruf deiner Seele missachtest. Dann zieh los, ich lege hier am Ufer noch eine Rast ein."
Er schaute sie verstört an. "Wie - wenn wir denselben Weg haben, können wir ihn nicht gemeinsam gehen?"
"Nein, ich will allein weiter", gab sie bestimmt zurück.
Noch bevor er seine Enttäuschung kundtun konnte, fügte sie aufmunternd hinzu: "Du schaffst es auch ohne mich, es wird dir gut tun, nur noch auf dich selbst zu hören - so wirst du bald im Einklang mit dir sein."
"Ich werde verhungern und im Winter erfrieren - du weisst doch, wie schwer mir das Betteln fällt...", wandte er zerknirscht ein. "Ich bin nicht so wie du, ich kann das nicht!"
Sie erwiderte: "Ich kann nicht! Das gibt es nicht - du willst nur nicht."
Trotzig schüttelte er den Kopf und wiederholte stur: "Ich kann nicht."
"Du kannst nicht?", meinte sie bissig. "Hast du keine Zunge? Bist du stumm? Es macht mir gar nicht den Eindruck... Du brauchst doch nur zu sagen: Bitte, gib mir etwas zu essen! Bitte, darf ich mein Nachtlager bei dir aufschlagen?"
"Ich kann das nicht", wiederholte er weinerlich - aus alter Gewohnheit, denn ein Teil von ihm fühlte sich alles andere als niedergeschlagen: In seiner Seele keimte die Freude über die neue Herausforderung, er spürte den Willen zu lernen und, stärker als alles andere, das Vertrauen, dass es nur zu seinem Besten war.
"Du musst es einfach versuchen, wenigstens versuchen!" Ihr Ansporn war im Gleichklang mit seiner eigenen zuversichtlichen Schwingung und machte sein Herz ganz leicht. Wie sie weitersprach, dachte er sogar, sie lese ihre Worte von seinen Augen ab, so sehr meinte er sie schon zu kennen. "Du wirst sehen: Wenn du es ein Mal geschafft hast, geht es das zweite Mal viel leichter, und bald verstehst du gar nicht mehr, dass es dir einst so schwer gefallen ist. Und immer dann, wenn du wirklich nicht mehr weiterweisst, begegnest du jemandem, der dir hilft. Das habe ich immer wieder erfahren - es scheint ein Gesetz des Lebens zu sein. - Hab doch Freude an dieser Wanderung, geniesse sie, nimm dir ihre schönen Seiten, sie stehen dir zu!"
Sie umarmte ihn. "Und jetzt geh deinen Weg zum Meer." Dann schritt sie aufrecht ans andere Ufer.
Er schaute ihr nach, bis sie seinem Blick entschwand.
Leseprobe aus "Jonathan von der Insel "von Karin Albarosa (Pseudonym von Karin Jundt)
Sie machten einen reichen Fang. Der junge Fischer bedauerte, dass sein Vater es nicht miterlebte, denn selten hatte er die Netze so voll gesehen. Sie waren kaum zurück im Hafen, als erste Regentropfen fielen. Er schickte Beppi nach Hause und machte sich allein daran, den Kutter zu entladen. Einen besonders grossen Fisch hob er zärtlich auf, hielt ihn in den Armen, streichelte ihn liebevoll und dankte ihm, dem Stellvertreter aller anderen, für den ausserordentlichen Fang. In diesem Augenblick, als ein Sonnenstrahl die Wolken aufriss und einen Regenbogen über die Insel warf, begann der eben noch unscheinbare, reglose Fisch in denselben Farben zu schillern, aber nicht einer Spiegelung gleich oder wie wenn die Schuppen das Farbspektrum brechen, sondern in einer leuchtenden, kräftigen bunten Bemalung – und er bewegte sich.
Weil ihm am Morgen beim Aufstehen übel gewesen war, dachte Jonathan sofort an eine Sinnestäuschung – bestimmt hatten sie beide, er und sein Vater, am Abend davor etwas Verdorbenes gegessen, das nicht nur Schwindel, sondern auch Trugbilder hervorrief!
Aber er nahm weder sich, noch diese Erscheinung sehr ernst; wie um es sich zu beweisen, sagte er laut, allerdings mehr zu sich selbst als zum Fisch, den er immer noch festhielt: „Komm, fang doch auch noch an zu reden!“
„Wenn du mich frei lässt, erfülle ich dir einen Wunsch“, vernahm er ihn sogleich.
Plötzlich zweifelte Jonathan nicht mehr daran, dass alles echt war, so wie es einem immer ergeht, während man etwas erlebt – denn wer misstraut schon seiner eigenen Wahrnehmung?
„Nur einen?“, erwiderte er scherzend. „In der Geschichte, die meine Mutter mir als Kind erzählte, sind es drei!“ Obwohl er die gegenwärtige Situation als wirklich empfand, mochte er doch nicht an Märchen glauben.
Der Fisch verdrehte missbilligend die Augen und meinte verdrossen: „Ja, ja, den meisten habe ich bisher drei Wünsche zugestanden, das ist wahr. Aber in ihrer Verblendung rufen die Menschen mit dem ersten ja doch nur etwas herbei, das sie am Ende unglücklich macht, und verbrauchen die beiden anderen um die Folgen des vorangegangenen zu mildern.“
„Nun, wenn sie doch zur Einsicht kommen, es bereuen und wieder gutzumachen versuchen – solltest du das nicht unterstützen?“
Auf diese oder eine ähnliche Frage hatte der Fisch nur gewartet; seine Aufgabe war nämlich eine wichtigere, als kurzzeitig das menschliche Begehren nach vermeintlichem Glück zu stillen. Mit der tragenden Stimme eines alten Weisen erklärte er: „Kein Wunsch ändert wirklich etwas, der erste nicht und der zweite und dritte auch nicht. Der Kosmische Plan, der das ganze Universum mit all seinen Wesen lenkt, ist vollkommen. Er ist allumfassend, ein jedes ist darin mit dem anderen verbunden wie in einem feinen Netz: Wenn man an einer Stelle auch nur ein klein wenig zupft, bewegt sich das ganze Gewebe. Doch der Allwissende rückt es nach Seiner gütigen Vorsehung wieder so zurecht, dass es für alle von neuem stimmt. Undenkbar, wenn jede Tat, ja sogar ein Gedanke, die Macht besässe entgegen dem Plan der Göttlichen Weisheit das ganze Netz zu verändern!“
„Also doch Vorbestimmung!“, rief Jonathan, dem die Gedanken des Abends beim Elefantenfelsen sofort wieder gegenwärtig waren.
„Ja und nein“, berichtigte der Fisch. „Dein Leben – und das aller Wesen – hat ein Ziel, das ist gegeben. Wie und wann du es erreichst, auf welchen Wegen und Umwegen, darüber entscheidest du in jedem Augenblick selbst; du wählst, welche Chance du annimmst und welche du ablehnst. Aber alles, wirklich alles, was dir geschieht, dient einzig dazu, dich deinem Ziel näher zu bringen. Nichts kommt auf dich zu, das nicht schon vom Höchsten Willen für dich bestimmt worden ist, niemand kann dir etwas antun, weder Gutes noch Böses, wenn der Allmächtige es nicht zulässt. Sieh in allem stets einen Wink der Göttlichen Hand, die hilfreich eingreift und die Gegebenheiten so formt und ausrichtet, dass du dem Lebensziel immer näher kommst. Deshalb bekommst du auch immer wieder, unendlich oft, die Gelegenheiten, die du viele Male nicht wahrgenommen hast.“
Wissbegierig lauschte Jonathan jedem Wort und verstand, bis nur eine Frage ihm noch auf den Lippen brannte:
„Wie können wir denn ein Ziel erreichen, das wir gar nicht kennen? Sag mir: Welches ist dieses Ziel, der Sinn unseres Daseins auf der Erde?“
„Wenn das zu wissen dein Wunsch ist“, antwortete der Fisch ernst, „sollst du es erfahren.“
Leseprobe aus "Meister der Jinn" von Irving Karchmar
Endlich hatten wir die so genannt echte Wüste des Erg erreicht. Am Rande dieses riesigen Sandmeers machten wir Halt im Schutz einer einsamen Akazie, ebenso fehl am Platz wie wir, im letzten auf der Welt verbliebenen steinigen Grund wurzelnd.
Erschöpft liess ich mich unter ihrer Krone fallen und wollte nur noch schlafen bis zum Jüngsten Gericht, aber Ali und Rami stellten mich wieder auf die Füsse. Hauptmann Simach und der Faqir standen beieinander, unbewegt wie in Stein gemeisselt, und blickten gegen Osten. Einen Augenblick lang wagte ich zu hoffen, sie würden die gesegnete, über den Dünen aufgehende Sonne begrüssen – aber es war nicht die Morgenröte, die ich mit aller Macht über uns kommen sah.
Über dem Rand der Welt toste sie von einem Ende des Horizonts zum anderen mit unvorstellbarer Geschwindigkeit, endlich sichtbar, eine gewaltig wirbelnde Wand; schwarz wie die Nacht stieg sie auf, bis sie den Mond verdeckte und die Sterne auslöschte.
Ich konnte ihr Ende nicht erkennen – wohin ich auch blickte, nur diese Wand. Wir waren eingekreist, ein sich verengendes Auge unter einem wirbelnden Lid. Wir konnten nichts weiter tun, als darauf zu warten, dass das Lid sich ganz schloss.
Der Faqir rührte sich nicht, als der Sturm uns einhüllte, ebenso wenig unser tapferer Hauptmann, der neben ihm stand. Nicht einmal die panischen Schreie des Kamels vermochten sie von ihrem Posten zu bewegen. Das arme Tier brüllte und schrie mit gesenktem Kopf, völlig verrückt durch den Angriff des unirdischen Sturms, der aus allen Richtungen auf uns zukam. Schliesslich nahm Rami die Kapuze seiner Gandura und
wickelte sie fest um den Kopf und die Augen des Kamels; dann schlug er an sein linkes Vorderbein, bis es sich hinkniete. Ali band es an den Baum. Professor Freeman, Rebekka und ich drängten uns zitternd zusammen zwischen dem grossen Körper des Tiers und dem Baum.
Mit hunderttausend Gebeten flehte unsere Seele, als der Sturm wirklich über uns kam. Hauptmann Simach fiel auf die Knie und blieb wie versteinert, während die wirbelnde schwarze Windwolke mehr als tausend Meter hoch um unsere zerbrechlichen Leben wütete. Immer noch stand der Faqir unerschrocken, so stark verwurzelt wie der Baum, und erhob seine Arme zum Wind, als ob er ihn grüsste oder anriefe.
„Spiel!“, rief er Ali zu, und seine Stimme übertönte sogar den Sturm.
Der Wind nahm das Wort auf und trieb es rings um uns, sein Echo wurde von den Gebirgswänden zurück in unsere Ohren geworfen.
Mit zitternden Händen führte Ali die Ney an die Lippen, die ersten Töne klangen unbeholfen und ängstlich, bis die Rohrflöte selbst seinen Atem zu beruhigen schien. In diesem Augenblick wurde die Ney das Instrument des Unsichtbaren. Wahrlich, sie begann ihren klagenden Ruf in die innerste Struktur des Sturms zu weben, die Töne stiegen mit dem Wind höher und höher, wurden kraftvoller, bis die Musik den Kreis um uns mit Unfassbarkeit jenseits der Sehnsucht erfüllte, als hätte sich der mächtige Wirbel des Sturms selbst in die Ney verwandelt und wir uns in die gespielten Noten. Langsam liess das Zittern unserer Körper nach, und langsam, langsam ergaben sich unsere Herzen in ihr Lied.
Gepriesen sei Gott, der Höchste, denn das Auge schloss sich nicht.
Der Sturm umkreiste den Baum und uns, gewaltige Blitze leuchteten weit oben, aber er kam nicht näher; er drehte sich wie ein Himmelsrad um die Achse unserer Gebete und respektierte die unsichtbaren Grenzen unserer Bestimmung.
Welche Bestimmung das war, wusste ich nicht, auch nicht, warum wir von seinem furchtbaren Angriff verschont blieben. Die Sandstürme in der Sahara erstrecken sich manchmal über tausende von Kilometern, aber dieser war nicht der Sandsturm, vor dem Hauptmann Simach uns gewarnt hatte. Kein sterbliches Wesen hätte sein Wüten überlebt. Der vom mächtigsten aller Winde gepeitschte Sand hätte das Fleisch von unseren Knochen weggescheuert und die Knochen zu Staub zermahlen. Doch der Sturm hatte kein einziges Blatt geknickt, kein einziges Haar gekrümmt.
Umgeben von Dunkelheit, wie Kaffeesatz in einer Tasse, weinten wir, unsere Augen flossen über vor Ehrfurcht und Erleichterung. Blind vor Tränen spielte Ali nicht mehr, die Ney fiel ihm aus den Händen. Wie eine einzige Seele warfen wir uns in Dankbarkeit für Seine Gnade vor dem Grossen Beschützer nieder. Wir schluchzten unablässig, wagten nicht, unseren Kopf zu heben, bis der gleiche unerwartete Schlaf, der unseren Hauptmann damals überfallen hatte, sich unser bemächtigte und unsere Augen zur Nacht hin schloss.
Ich weiss nicht, wie lange ich geschlafen habe, auch nicht, wann der Traum vom Wind mich verliess, aber ich erinnere mich an warmen Feuerschein auf meinem Gesicht. Ich erwachte beim sanften Murmeln erwartungsvoller, naher Stimmen, strengte mich an, um ihre Unterhaltung mitzubekommen, und lächelte innerlich, als Rebekka jemanden fragte, ob sie mich wecken sollte.
„Du kannst keinen Mann aufwecken, der nur so tut, als ob er schliefe“, sagte Hauptmann Simach über mir. Ich lachte und setzte mich auf.
„Was ist geschehen?“, fragte ich, als ich den silbernen Staubdunst sah, der den Nachthimmel färbte. Die Sterne hatten sich nicht bewegt. Die Himmelstore standen immer noch offen.
„Wir haben auf dich gewartet“, gab er zur Antwort.
„Warum hat niemand mich geweckt?“
„Weil wir nicht wussten, aus welchem Grund du schliefst.“
Ich nickte bei der Erinnerung an den sanften Schlaf, der über mich gekommen war wie eine schützende Decke. Mein Körper fühlte sich erholt und mein Bewusstsein gegenwärtig, aber es war kein Traum, aus dem ich erwacht war.
„Der Sturm –“
Hauptmann Simach schaute über die Schulter und entfernte sich aus meinem Blickwinkel. „Der Sturm hat offenbart, was verborgen war!“, sagte er.
Aus dem Dunst erhoben sich die Ruinen einer grossen, noch halb im Sand begrabenen Stadt; zerfallene Mauern und Bögen und geknickte Säulen erstreckten sich innerhalb der hohen Dünen hunderte von Metern rings um uns. Ein einziges Bauwerk war unzerstört; es befand sich so nahe bei uns, dass unser Baum in seinem grossen Hof gestanden haben könnte. Es war ein seltsames rundes Gebäude mit einem Kuppeldach und sah aus wie ein antiker Tempel oder eine Grabstätte.
„Was ist das für ein Ort?“
Professor Freeman zuckte mit den Schultern, aber ich konnte die Erregung in seinen Gesichtszügen lesen. „Ich bin nicht sicher. Es erinnert an … Wenn ich nur …“
„Noch nicht!“, sagte Rebekka. „Nicht bevor wir gegessen haben!“
Es gab keinen Widerspruch. Und keine Höhle. Der Faqir hatte recht behalten. Wir waren mit einer anderen Absicht zu einer anderen Bestimmung gebracht worden.
„Wo ist unser Führer?“, wollte ich wissen.
„Weg“, antwortete Hauptmann Simach. Er schien nicht überrascht. „So lasst uns zuerst Dank sagen, dann schnell etwas essen und gleich die Ruinen erforschen. Was auch immer da ist, es wurde für uns enthüllt.“
Wir stimmten alle zu. Das Kamel wurde entladen, getränkt, dann zum Weiden freigelassen. Es war ungeduldig und hungrig; offenbar hatte es auch geschlafen. Nach dem Gebet breitete Rebekka die sufreh aus und stellte zum Frühstück Brot, Käse und Orangen hin. Gesprächstoff hätten wir genügend gehabt, doch wir assen schweigend, während unsere Blicke über den seltsamen Bau zwischen den Ruinen schweiften. Ich dankte nochmals der Gnade, die uns unversehrt bis hierher geleitet hatte, um den Kreis zu vollenden – wenn das überhaupt die Vollendung war.
Hauptmann Simach zeigte sich nicht enttäuscht, dass der Sturm weder die Höhle noch die Gebeine ans Tageslicht gebracht hatte. Falls seine Seele wusste, zu welcher Entdeckung wir hierher geführt worden waren, gab seine Zunge es jedenfalls nicht preis.
Der Faqir war noch nicht zurück, aber wir wollten nicht länger warten. Das Geschirr wurde schnell gereinigt und weggeräumt, dann machten wir uns erwartungsvoll zum runden Bauwerk auf, wie magnetisch von ihm angezogen. Jede Ruine enthält einen Schatz, sagt man, und da war unserer – sollten wir dazu bestimmt sein, einen zu finden.
Die bewegungslosen Sterne leuchteten unnatürlich hell und erlaubten Professor Freemans geübtem Auge, im Herannahen den Bau mit dem Blick abzusuchen. Er zeigte auf die Überreste eines Säulengangs rings um das Bauwerk und die Trümmer eines überhängenden Portikus unter dem Kuppeldach. Zuerst schritt er vorsichtig um das Gebäude herum, mass seine Breite und Höhe ab, suchte nach Hinweisen für sein Alter
und seinen Zweck. Wir folgten ihm, wie er es wünschte, in Einerkolonne, darauf bedacht, genau seine Fussstapfen zu benützen, um im Dunkeln nicht unabsichtlich ein Artefakt zu zertreten. Er freute sich über seine Entdeckung, dass es in jeder Himmelsrichtung je eine hohe, offene Tür gab, die westliche in einer Linie mit dem Baum. Von oben drang Licht ein. Entweder war das Dach teilweise eingestürzt oder man hatte es offen zur Sonne und den Elementen gebaut.
[...]
„Mein Gott!“, entfuhr es dem Professor, und ich hörte, wie er keuchte. „Seht euch das an!“
Ich begann wieder, mein Dhikr zu rezitieren, voller Neugier auf die Entdeckung – und voller Angst zugleich. Während ich mich selbst als schlechteste Wahl rügte, Zeugnis abzulegen, gesellte ich mich schliesslich zu den anderen und schaute wie sie über die Schulter des Professors.
Er hatte ein weiches Tuch aus seinem Rucksack geholt und benetzte es mit einer Art Reinigungslösung aus einer kleinen Flasche. Während Hauptmann Simach die Taschenlampe hielt, rieb er langsam über die verwitterte Holzoberfläche.
„Schaut her!“, forderte er uns auf, während das Reinigungsmittel die sandige Schicht langsam auflöste. Er hielt seine Lupe direkt über die kleine von Hauptmann Simach freigelegte Einkerbung. Ein sechszackiger Stern, ein Hexagramm, war klar zu erkennen, umfasst von zwei konzentrischen Kreisen.
Salomos Siegel!
Ich hörte Rebekka nach Luft schnappen, mein Herz raste. Die Mitte des Sterns war geschwärzt und unleserlich, als sei der unaussprechliche Name nicht für unsere Augen bestimmt.
„Es sieht so aus, als wäre es in das Holz eingebrannt worden“, rief der Professor, und fluchte kaum hörbar. „Ich verstehe es nicht, aber es ist das Siegel. Es muss so sein! König Salomo war hier!“ Er schaute zu Hauptmann Simach. „Aber warum den Siegelring für eine Brunnenabdeckung benützen? Was hat das zu bedeuten?“
Der Hauptmann antwortete nicht. Er übergab mir die Taschenlampe, stemmte beide Hände gegen die Holzkante und begann zu stossen.
Der Professor und Rebekka unterstützten ihn augenblicklich, die Rücken vor Anstrengung gekrümmt.
„Was macht ihr da?“, schrie ich entsetzt. „Unser Führer ist noch nicht zurück, und ihr wisst nicht, was –“
Es war zu spät. Die Holzscheibe war nicht befestigt, lediglich ihr Eigengewicht hielt sie; im Nu rutschte sie vom Brunnen. Ali und Rami eilten herbei und halfen mit, sie anzuheben und auf den Marmorboden zu legen.
Unsere Blicke wanderten zwischen uns und dem offenen Brunnen hin und her. Ich verspürte kein Bedürfnis, in die Finsternis hinunter zu schauen, aber ich konnte nicht anders. Ich hielt die Taschenlampe über den Rand: Es war kein Wasser zu sehen.
„Seltsam, der Stein ist auch auf der Innenseite geschwärzt“, sagte der Professor und blickte dabei zu Hauptmann Simach. Dieser nickte. So weit der Lichtschein reichte, nur Schwärze.
„Das Bauwerk ist nach den vier Himmelsrichtungen offen, ebenso in die fünfte zum Himmel“, bemerkte der Professor. „Der Brunnen bildet die sechste Richtung, nach unten. Es könnte sich beinahe um die dreidimensionale Darstellung eines Hexagramms handeln. Ich frage mich, ob –“
Professor Freeman wühlte in seinem Rucksack, bis er ein Feuerzeug fand. Dann zog er den Gandura-Umhang aus, wickelte ihn um ein abgebrochenes Mauerstück, schnürte das Ganze zu einem festen Ball zusammen und tränkte ihn mit der übriggebliebenen Flüssigkeit aus der Flasche.
Er schaute jeden einzelnen von uns an, aber keiner rührte sich, um ihn aufzuhalten – was wir ewig bedauern sollten. Mit dem Feuerzeug zündete er den Stoffball an, der sogleich aufloderte. Er warf ihn in die Mitte des Brunnens.
Wir äugten über den Rand und schauten dem Licht nach, wie es in die Dunkelheit fiel, immer tiefer und tiefer, bis es unserem Blick entschwand. Wir starrten weiterhin hinunter, gespannt und erwartungsvoll, gefesselt von der schauerlichen Wahrnehmung der unerklärlichen Tiefe. Menschliche Hände konnten diesen Brunnen nicht gegraben haben.
„Das ist unmöglich!“, rief Professor Freeman schliesslich. Wie Spott erklang das Echo seiner Worte im bodenlosen Schacht, in einer Abwärtsspirale widerhallend, bis sie sich vollständig verloren.
Beinahe augenblicklich wurden sie durch ein schwaches, plätscherndes Wehklagen beantwortet. Ein kurzes Aufflackern einer Flamme erschien weit unten, als hätte der brennende Stoff im letzten noch sichtbaren Winkel etwas entzündet. Und es stieg auf.
Das Brunneninnere füllte sich mit Feuer, das mit unglaublicher Geschwindigkeit aufwärts toste.
„Aahhh!“, schrie Ali. Wir wurden rückwärts zu Boden geschleudert, als ein Flammengeysir durch den Raum schoss. Die Kuppel über uns barst.
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